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Das Gleichgewichtsorgan

Gleichgewichtsorgan

Anatomie des Gleichgewichtsorgans

Tief im Schädelinneren, weitgehend geschützt vor schädlichen äußeren Einflüssen, liegt das Innenohr. Eingebettet in einen sehr harten Knochen, das Felsenbein, finden sich dort kompliziert angeordnete Kanäle, deren verwirrender Bau zu der Bezeichnung Labyrinth geführt hat.
Am Labyrinth werden unterschieden:

  • die Schnecke
  • die Bogengänge mit dem Vorhof

Die Schnecke ist ein spiralig angeordneter Raum und dient dem Hören, der Vorhof und die Bogengänge dienen dagegen der Gleichgewichtsfunktion.
Die Hohlräume sind mit einer wasserklaren Flüssigkeit, der Perilymphe, gefüllt. In der Perilymphe schwimmt ein zartes Schlauchsystem, die Endolymphe.

Die Sinneszellen
In den Bogengängen und im Vorhof schwimmen in der Flüssigkeit feinste Schläuche und Säckchen, die an einigen Stellen Sinneszellen enthalten. Sie werden dann gereizt, wenn es in den Bogengangskanälen zu einer Flüssigkeitsströmung kommt. Das ist immer bei Kopf- und Körperdrehungen der Fall. Daneben gibt es im Vorhof beetartig angeordnete Sinneszellen, die von feinsten Kristallen, den Otolithen, bedeckt sind. Unter der Einwirkung der Schwerkraft verschieben sich diese Kristalle bei jeder Lageänderung. Sie erregen die Sinneszellen und verhelfen so den Menschen zur Kontrolle über die Körperlage.

Die Nervenfasern
Von den verschiedenen Sinneszellen gehen Nervenfasern aus, die sich jeweils entweder zum Hörnerv oder zum Gleichgewichtsnerv vereinigen. Beide Nerven verlassen dann gemeinsam durch einen Knochenkanal, den inneren Gehörgang, das Felsenbein, um in das Gehirn einzutreten.

Gleichgewichtsfunktion
Die Fähigkeit, aufrecht stehen und gehen zu können, sowie bei komplizierten Bewegungen, zum Beispiel beim Tanzen oder beim Balancieren, das Gleichgewicht bewahren zu können, beruht darauf, dass der Mensch – völlig unbewusst – stets Korrekturbewegungen ausführt, die jede Verlagerung des Schwerpunktes ausgleichen. Die hierfür nötige Muskeltätigkeit wird von einer Zentrale im Gehirn gesteuert, die ihrerseits ständig über jede Änderung der Körperhaltung unterrichtet sein muss.

Die Weiterleitung zum Gehirn
Die Weiterleitung zum Gehirn geschieht unter anderem durch das Auge, zu einem wichtigen Teil aber auch durch den zum Labyrinth gehörenden Vorhofbogengangsapparat, auch Vestibularapparat oder Gleichgewichtsapparat genannt. Man spricht auch vom Gleichgewichts- oder Vestibularorgan.

Physiologie des Gleichgewichtsorgans

Außer den fünf Sinnen – Licht-, Geschmacks-, Geruchs-, Gehör- und Hautsinn – gibt es eine ganze Reihe weiterer Sinnesorgane, die zwar den Menschen weniger ins Bewusstsein treten als die klassischen fünf Sinne, die im Prinzip aber genauso arbeiten, und dazu gehört der Gleichgewichtssinn.

Der Gleichgewichtssinn gibt Informationen
Der Gleichgewichtssinn gibt Informationen über die Körperlage im Raum. Hält man einen einige Wochen alten Säugling in unterschiedlichen Körperstellungen, ist zu beobachten, dass der Kopf möglichst so eingestellt wird, dass die Augenachse parallel zum Horizont verläuft. Das geschieht auch bei geschlossenen Augen, sodass der Vorgang nicht über das optische System erfolgen kann. Tatsächlich befinden sich nahe dem Hörorgan Sinnesrezeptoren, die die Körperlage registrieren können. Sie befinden sich in Säckchen und kleinen Schläuchen. Bei aufrechter Körperhaltung beziehungsweise Körperlage üben kalkhaltige Körnchen einen Druck auf die Sinneszellen aus. Wenn der Mensch auf dem Kopf steht, üben sie hingegen einen Zug aus.

Beschleunigungen
Das Gleichgewichtsorgan registriert auch lineare Beschleunigungen, wie man bei Benutzen rasch anfahrender oder rasch bremsender Aufzüge feststellen kann. Bei einem abwärts fahrenden Fahrstuhl, der schnell bremst, geht man leicht in die Knie. Fährt er dann rasch weiter, werden die Beine unwillkürlich gestreckt. Diese Korrekturbewegungen, durch Sinneszellen ausgelöst, erfolgen reflektorisch. Außer im Schlaf haben die Menschen dauernd eine bestimmte Muskelgrundinnervation, die von den Rezeptoren, hauptsächlich des Utriculus, ausgeht.

Drehung und Winkelbeschleunigung
Dicht neben den Rezeptoren für lineare Beschleunigung liegen in den Bogengängen Rezeptoren, die auf Drehung, besser Winkelbeschleunigung, ansprechen. In den drei Raumebenen befindet sich je ein Bogengang, der mit Flüssigkeit, der Endolymphe, gefüllt ist und eine Erweiterung, die Ampulle, hat, in der sich die Sinneszellen befinden. Bei Beginn der Drehung des Kopfes werden die Sinneszellen durch die Trägheit der Endolymphe erregt. Die Information geht von den Sinneszellen zu den motorischen Kernen der Augenmuskeln und der Halsmuskeln und beeinflusst schließlich die gesamte Körpermotorik.

Unregelmäßige Beschleunigungen
Wenn das Gleichgewichtsorgan durch unregelmäßige Beschleunigung, wie Schlingern, Rollen, Änderung der Geschwindigkeit und dergleichen, gereizt wird, kann der Mensch „seekrank“ werden, was durch eine Miterregung des autonomen Nervensystems mit Übelkeit, Erbrechen, Blutdruckabfall und Schweißausbrüchen einhergehen kann. Diese Erkrankungen, die bei Reisen mit dem Flugzeug, der Bahn, dem Auto und besonders mit Schiffen auftreten und nach dem Ende der Reise sofort verschwinden, nennt man Kinetosen. Sie sind willensmäßig nicht zu beeinflussen.

Erkrankungen des Gleichgewichtsorgans

Schwindel

Erkrankungen des Gleichgewichtsorgans, des zugehörigen Nervs und derjenigen Hirnabschnitte, in denen die Zentralen zur Regelung des Gleichgewichts liegen, ebenso auch übermäßige Reizungen des Gleichgewichtssystems, rufen die Empfindung des Schwindels hervor. Es kann sich in einem bestimmten Unsicherheitsgefühl, in Dreh- und Schwankempfinden sowie in zwanghaften Gangabweichungen äußern. In schweren Fällen sind die Betroffenen nicht imstande, sich aufrecht zu halten. Häufig sind Schwindelerscheinungen mit Übelkeit und Erbrechen gekoppelt. Hervorzuheben ist, dass nicht jeder Schwindel durch eine Störung am Gleichgewichtsorgan hervorgerufen wird. Auch krankhafte Änderungen des Kreislaufs oder gewisse Stoffwechselkrankheiten können ähnliche Empfindungen zur Folge haben.
Schwindelerscheinungen sind dann am stärksten, wenn eine Erkrankung die Funktion des Gleichgewichtsapparates oder seiner Zentralen im Gehirn plötzlich beeinträchtigt oder vernichtet.

Ausgleichsleistungen
Tritt eine Funktionsminderung dagegen langsam auf, vermag der Organismus den entstehenden Schaden sogleich auszugleichen, wesentliche Schwindelerscheinungen werden nicht deutlich. Aber auch ein plötzlich eingetretener Funktionsausfall geht nur begrenzte Zeit mit Schwindelerscheinungen einher. Allmählich entwickeln sich im Gehirn Ausgleichsleistungen, die die Auswirkungen der Störung vermindern. Hier tritt dann auch die Kontrollfunktion des Auges stärker ein. So erklärt es sich, dass Menschen mit einem beidseitigen völligen Verlust der Gleichgewichtsorgane, zum Beispiel Taubstumme, ihr Gleichgewicht zu wahren vermögen. Nur im Dunkeln, wenn die Kontrolle des Auges nicht wirksam ist, können Unsicherheiten auftreten.

Nystagmus

Jede stärkere Reizung und Schädigung des Vorhofbogengangsapparates, ebenso aber auch eine solche der zugeordneten Hirnteile, hat eine wichtige Erscheinung am Auge zur Folge. Es kommt zu ruckartigen und gleichsinnigen Bewegungen beider Augen. Die Augen bewegen sich etwa drei- bis sechsmal in der Sekunde rhythmisch zur linken oder zur rechten Seite, manchmal auch nach oben oder unten, und kehren nach jedem Ruck etwas langsamer in ihre Ausgangsstellung zurück. Diese Erscheinung wird als Nystagmus bezeichnet. Der Nystagmus kann ein wichtiges Symptom einer Erkrankung des Labyrinthes, des Gleichgewichtsnervs und der für das Gleichgewicht wichtigen Hirnzentralen sein. Er tritt beim Gesunden nicht auf, ist also immer ein Krankheitszeichen.

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